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Bon appétit!
Kaum ein Gruß ist so international. Und kaum einer so umstritten. Strenge französische Etikette hält ihn bis heute für unfein. Er spiele auf die Verdauung an, und über die spricht man bei Tisch nicht. In den meisten französischen Esszimmern wünscht man ihn trotzdem, laut und herzlich.
Derselbe Satz ist also höflich oder peinlich. Es kommt nur darauf an, an wessen Tisch du sitzt.
In Ausgabe #160 geht es um genau das: um eine Frage der Perspektive.
Und weil wir schon bei Tisch sind: Ganz unten wartet unser inperspective-Wissen-Menü für die ORGATEC in Köln. |
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Der Zaun um das Kartoffelfeld |
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von Hannes Hilbrecht
Fangen wir mit einer Knolle an, die niemand wollte.
Mitte des 18. Jahrhunderts hatte die Kartoffel in Frankreich einen miserablen Ruf. Sie wuchs im Dreck, unter der Erde, dort, wo nach damaliger Vorstellung nichts Edles herkam. Man verfütterte sie an die Schweine.
Dann geriet ein junger Militärapotheker in preußische Gefangenschaft. Antoine Parmentier, Siebenjähriger Krieg. Im Lager gab es vor allem eines zu essen: Kartoffeln. Parmentier überlebte. Und er kam mit einer Überzeugung nach Hause: Diese Knolle kann Frankreich satt machen.
Er hatte recht. Aber niemand hörte ihm zu.
Parmentier tat, was Experten tun. Er analysierte, schrieb Abhandlungen, argumentierte. Es half wenig. Der Ekel grub tiefer als jedes Argument.
Also änderte er nicht seine Argumente. Er änderte den Blick der anderen.
So ließ sich Parmentier vom König ein Stück Land vor Paris überlassen, die Ebene von Sablons. Dort, so die berühmte Geschichte, bewachten Soldaten sein Feld. Tagsüber. Nachts zogen sie ab.
Die Pariserinnen und Pariser wurden neugierig. Was so bewacht wird, muss wertvoll sein. Sie kamen im Dunkeln und stahlen. Parmentier hatte genau darauf gehofft.
Bemerkenswert ist, was Parmentier nicht tat. Er befahl niemandem, die Kartoffel zu mögen. Er versetzte den Zaun des eingefahrenen Denkens.
Damit sind wir im Büro.
Denn dort wird bis heute befohlen. »Lasst uns mal out of the box denken.« Oder: »Wir brauchen neue Perspektiven.« Die Post-its liegen bereit, die Kaffeemaschine röchelt, der Workshop beginnt. Nach vierzig Minuten hängen an der Wand dieselben fünf Ideen wie beim letzten Mal. Nur in anderen Farben.
Das liegt nicht am fehlenden Willen. Es liegt an einem Mechanismus.
2008 beobachtete der Kognitionsforscher Merim Bilalić mit seinem Team Schachspieler per Eyetracking. Auf dem Brett lag ein bekanntes Mattmuster, daneben ein kürzerer, besserer Weg. Die Schachspieler sagten, sie suchten nach Alternativen. Ihre Augen erzählten etwas anderes. Sie kehrten immer wieder zum Vertrauten zurück. Solange das bekannte Muster auf dem Brett lag, spielten selbst starke Spieler auf dem Niveau deutlich schwächerer.
Expertise ist eine Perspektive, die sich als Wahrheit verkleidet.
Dann hilft vielleicht der Appell? Die berühmte Floskel stammt aus einem alten Rätsel: neun Punkte im Quadrat, vier gerade Linien, ohne den Stift abzusetzen. Lösbar ist es nur, wenn man über das gedachte Quadrat hinauszeichnet. 1981 verrieten die Psychologen Robert Weisberg und Joseph Alba einem Teil ihrer Testpersonen genau diesen Trick, vorab und ausdrücklich. Gelöst hat die Aufgabe trotzdem nur rund ein Viertel.
Den Rat zu kennen, hilft nicht.
Aber was dann? Die Forschung antwortet erstaunlich parmentierisch: Ändere nicht den Vorsatz. Ändere die Bedingungen. Drei Hebel, die nachweislich wirken, liest du im Fact Sheet. |
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Wie du neue Perspektiven gewinnst |
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| Schick das Problem in die Ferne. Lile Jia und sein Team an der Indiana University stellten 2009 Studierenden Kreativaufgaben. Der einen Hälfte erzählten sie, die Aufgabe stamme von Kommilitonen in Griechenland. Der anderen, sie komme aus der Umgebung in Indiana. Wer die Aufgabe für weit gereist hielt, antwortete kreativer und knackte Denksportaufgaben häufiger. Ein einziger Satz Kontext reichte. Distanz macht das Denken abstrakter, und wer abstrakter denkt, sieht mehr Wege. Für den nächsten Workshop heißt das: Frag nicht »Was machen wir?«. Frag »Was würde ein Team in Lissabon an unserer Stelle tun?« |
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| Hol Fremde an den Tisch. Hummer galt im kolonialen Neuengland als Essen für Arme und Gefangene. Man düngte damit Felder. Erst als die Eisenbahn ihn ins Landesinnere brachte, aßen ihn Menschen, die seinen schlechten Ruf nicht kannten. Sie sahen nur, was auf dem Teller lag. Die Forschung kennt das Muster. Die Innovationsforscher Lars Bo Jeppesen und Karim Lakhani untersuchten 166 Probleme, an denen die Labore großer Konzerne gescheitert waren und die deshalb öffentlich ausgeschrieben wurden. Über 12.000 Forschende versuchten sich daran. Je weiter ihr eigenes Fach vom Problem entfernt lag, desto häufiger gehörten sie zu den Gewinnern. |
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| Streich die Standardlösung. Zurück zu den Schachspielern. Lag das vertraute Muster nicht auf dem Brett, fanden die Experten den besseren Zug zuverlässig. Ihr Können war nie das Problem. Das Problem war die bekannte Lösung im Blickfeld. Bevor ihr also das nächste Mal Ideen sammelt: Streicht zuerst die naheliegendste. Die, die ihr beim letzten Mal gewählt habt. Erst dann ist Platz für die anderen. |
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Heute steht Parmentier auf französischen Speisekarten. Seit den 1870er-Jahren tragen Kartoffelgerichte seinen Namen: Hachis Parmentier, Hackfleisch unter einer Decke aus Püree. Potage Parmentier, die Suppe aus Lauch und Kartoffeln. Pommes Parmentier, in Butter gebratene Würfel. In Paris ist eine lange Avenue nach ihm benannt, dazu eine Métrostation der Linie 3, in der Vitrinen von französischen Kartoffelsorten erzählen. Und sein Grab auf dem Friedhof Père-Lachaise ist von Kartoffelpflanzen umringt. Besucher legen bis heute Knollen auf den Stein, so wie anderswo Blumen. |
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DAS MENÜ: inperspective auf der ORGATEC |
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Vier Gänge, ein Gastgeber, 27. bis 29. Oktober in Köln. In unseren Workshops hält dir inperspective-Autor und neuerdings Fernsehkoch Hannes Hilbrecht den Spiegel vor. Nicht, um dich zu belehren. Sondern damit du deine Arbeit von außen siehst.
Unser Versprechen: Pro Session mindestens zehn Aha-Momente für die tägliche Arbeit – zu Themen wie Akustik, Veränderungspsychologie oder Materialqualität. Zudem werden die interaktiven Keynotes in einem besonders ungewöhnlichen und vertrauensvollen Rahmen stattfinden. Unser Ziel: Ein Perspektivwechsel, der dich beruflich weiterbringt.
Jeweils 30 Minuten, Halle 6.1 | C008.
Vorspeise: Spiegel der Stille Das Ohr ohne Lid. Amygdala. Großraumrauschen. 5.500 Hertz. Di 11:00 | Mi 13:30 | Do 14:00
Zwischengang: Spiegel der Zeit Eine Tür auf dem Campus. Gewöhnung. Cubicle, Jahrgang 1968. Di 12:30 | Mi 15:30 | Do 15:30
Hauptgang: Spiegel des anderen Menschen Zitronensaft. 4.063 Piloten. Cosmic Latte. Ein Dach statt einer Mitte. Di 15:30 | Do 10:30
Dessert: Spiegel des Werts Glühbirne von 1901. Römischer Beton. Ultramarin. Ein Stuhl für neun Cent am Tag. Mi 10:30 | Do 13:00
Empfehlung des Hauses Interview mit Designer Sascha Sartory: Di 15:00 · Mi 12:00 · Do 12:00 PALMBERG x BIMobject mit Daniel Schwaiger: Di 14:00 · Mi 14:30 |
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